Reservist sprengt Lawinen im Katastrophen­gebiet

Ziviler Sprengmeister leistet im Katastrophen­schutz­einsatz unverzichtbaren Beitrag

TRAUNSTEIN, Januar 2019: Die Lage ist enorm angespannt. Im Lawinengebiet Traunstein sind im Januar 2019 mehrere Ortschaften von den Schneemassen komplett abgeschnitten. Lawinen drohen unkontrolliert abzugehen. Nach nur 45 Minuten ist der zivile Sprengmeister und Reservist des nichtaktiven Pionierbataillon 905 im Dienst, um bei der Operation „Schneelage“ Lawinensprengungen aus einem Hubschrauber heraus durchzuführen.

Ein Artikel für die Fachzeitschrift des Deutschen Sprengverbandes e. V. von Thomas Graßl, Stabsfeldwebel der Reserve
Zivile Amtshilfe bei der Lawinensprengung erfolgte durch das Hubschrauber-Einsatzkommando der Gebirgsjägerbrigade 23 der Bundeswehr. Mit der Operation „Schneelage“ erfolgte der unterstützende Hilfseinsatz. Dabei galt es, abgeschnittene Ortsteile im Lawinengebiet Traunstein zu sichern. Das Sprengen der Lawinen diente dem Freihalten der Zufahrtsstraßen in den von Schneemassen abgeschnittenen Orten. Die Einsatzplanung der Lawinenkommission erfolgte zentral von Ruhpolding aus. In kürzester Zeit mussten Koordination und Sprenglogistik abgestimmt werden. Gravierend kam die extrem schlechte Wetterlage hinzu, welche die Sicht für die Flugeinsätze sowie die Positionierung der Sprengladungen erschwerte. Der Erfahrung der Pioniere ist es zu verdanken, dass die Einsätze zielführend und sicher sowie erfolgreich abgeschlossen werden konnten.

1 AUSGANGSLAGE

Ab 4. Januar 2019 setzten am nördlichen Alpenrand durchgehende und ergiebige Schneefälle ein, welche enorme Schneemengen hervorbrachten. Solche Phänomene nennt man „Nordstaulage“ und entstehen aus einer kalten und feuchten Tiefdrucklage bei denen unentwegt neue Niederschläge gegen die Nordalpen gedrückt werden und dann im Stau der Berge abschneien. Dies hatte zur Folge, dass innerhalb von wenigen Tagen Schneehöhen von bis zu 3 m im südlichen Landkreis Traunstein anwuchsen. Die Räum- und Streudienste, sowie die Hilfsdienste und Feuerwehren waren nach 7 Tagen ununterbrochenen Einsätzen damit an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angekommen. Ein weiteres großes Problem waren die sehr großen Neuschneemengen in den Bergen, die viele Straßen aufgrund von großer bis erheblicher Lawinengefahr unpassierbar machten und so eine Anfahrt für Rettungskräfte unmöglich war.

2 OPERATION SCHNEELAGE IM LANDKREIS TRAUNSTEIN

Anhand dieser brenzligen Lage, die sich immer weiter zuspitzte, wurde daraufhin in fünf Landkreisen, darunter auch der Landkreis Traunstein, der Katastrophenalarm ausgerufen. Im Zuge dessen wurde die Gebirgsjägerbrigade 23 mit dem ihr unterstellten Gebirgspionierbataillon 8 um Amtshilfe gebeten, die Hilfskräfte vor Ort mit Gerät und frischen Einsatzkräften zu unterstützen. Geführt wurden die Bundeswehrkräfte aus dem Einsatzstab in Bad Reichenhall in Zusammenarbeit mit den Kreisverbindungskommandos der jeweiligen Landratsämter und der örtlichen Einsatzleitung. Vorrangig wurden die Bundeswehrkräfte für das Evakuieren abgeschnittener Ortsteile mit Überschneefahrzeugen, das Abschaufeln einsturzgefährdeter Dächer und das Räumen von Zufahrtswegen mit schweren Pionierräumgerät eingesetzt. Auch musste wichtige Infrastruktur geschützt und Straßen, die wegen Lawinengefahr gesperrt waren, geräumt werden, damit abgeschnittene Ortsteile wieder für die Einsatzkräfte erreichbar waren. Um dies zu erreichen war es notwendig, Hubschrauber für das Sprengen der Lawinen und für das Verbringen der Einsatzkräfte in abgeschnittene Ortsteile einzusetzen.

Am 9. Januar fragte mich die Einsatzleitung an, ob ich als Sprengberechtigter für einen Hilfseinsatz im Rahmen der Bundeswehroperation „Schneelage“ zur Verfügung stehen würde und gleichzeitig kurzfristig benötigten Sprengstoff für den Einsatz zur Verfügung stellen könnte. Da ich nach meiner aktiven Dienstzeit im Jahr 2010 als selbstständiger Sprengmeister in Bayern tätig bin und ebenfalls als Einsatzreservist beim Pionierbataillon 905 regelmäßig bei Vorhaben des Verbandes engagiere, sagte ich selbstverständlich zu und bekam in kürzester Zeit meinen Einberufungsbescheid zum Ableisten einer Reservedienstleistung.

Somit war ich am 10. Januar um 12.00 Uhr Soldat und bereitete die ersten Sprengungen vom Hubschrauber aus vor. Es mussten in kürzester Zeit alle Absprachen mit den Dienststellen und Einsatzkräften sowie mit der Sprengstofflogistik getroffen werden. Am 11. Januar wurden dann die ersten Sprengungen im Bereich Ruhpolding Steinalm geplant und durchgeführt. Vorab wurden die Einsatzstellen von der Lawinenkommission Ruhpolding und mir erkundet und die Sprengstellen festgelegt. Danach wurden die Ladungen vorbereitet und wir flogen bei extrem schlechtem Wetter mit wenig Sicht an die Sprengstelle, bei der die Ladungen dann der Reihe nach abgeworfen wurden.

Nach den Sprengungen erfolgte dann durch die Lawinenkommission, per Anmarsch mit Ski, eine Kontrolle vor Ort. Als die Sprengungen für erfolgreich bewertet wurden, konnte man die erste Straße wieder freigeben.

Im Anschluss wurde eine erste Erkundung mit dem Hubschrauber an der gesperrten Bundesstraße B 305 zwischen Reit im Winkl und Ruhpolding geflogen, um einen ersten Erkundungsbericht an die örtliche Einsatzleitung im Landratsamt Traunstein abgeben zu können. Es stellte sich schnell heraus, dass die Rinnen oberhalb der Straße alle mit sehr viel Schnee gefüllt waren und vor dem Öffnen der Straße diese abgesprengt werden mussten. Zudem kam die Problematik, dass im Bereich Weitsee die Straße durch eine Lawine 10 m hoch verschüttet war.

Bei der Planung der Sprengung in der ersten Rinne mussten mehrere Aspekte betrachtet werden, da man davon ausgehen konnte, dass eine Sekundärlawine ausgelöst würde, die die Lawinenverbauungen teilweise mitreißen könnte. Nach einem Lagevortrag im Einsatzstab zu dieser Thematik wurde am nächsten Tag ein weiterer Erkundungsflug geplant und durchgeführt. Zwischen den Erkundungsflügen und Einsätzen mussten immer wieder Stromleitungen oder Bäume neben den Zufahrtstraßen, die akut einsturzgefährdet waren, mit dem Hubschrauber per „hubbern“ (mit Hilfe der Ansaugkraft der Rotorblätter fiel der Schnee herunter) von den Schneelasten befreit werden, um so die Stromversorgung und offene Straßen zu gewährleisten.

Am 15. Januar wurde eine Erkundung der Lawinenverbauungen und der B 305 mit dem Leiter des Straßenbauamtes, der Lawinenkommission und dem Straßenbaumeister durchgeführt. Zudem wurde die Zufahrtsstraße nach Winklmoos erkundet, da diese durch die erhebliche Lawinengefahr nicht mehr geräumt und dadurch auch nicht mehr befahrbar war. Nach einem Lagevortrag in der örtlichen Einsatzleitung Landratsamt (LRA) Traunstein wurde dann der Entschluss gefasst, dass die Rinnen im Zuge der B 305, auch auf die Gefahr hin einer Beschädigung der Lawinenverbauungen, gesprengt werden sollten. Danach erst sollten die Lawinen bei der Zufahrtsstraße nach Winklmoos an 2 Punkten abgesprengt werden, um so die Straße wieder zu räumen und im Anschluss nutzen zu können. Für den Fall, dass eine Sekundärlawine die Lawinenverbauungen oberhalb der B 305 mitreißen würde, plante ich den Einsatz einer Pionierhochgebirgsgruppe, die dann die losen Metallteile vor Ort absägen sollte, um so die Gefahr von nachstürzenden Metallteilen auf die Straße zu verhindern. Der Transport der Soldaten und der Geräte an die Einsatzstelle hätte mit Hilfe des Hubschraubers und dem Ablassen an der Seilwinde durchgeführt werden können.

In der Einsatzbesprechung wurden für den Folgetag 8 Sprengungen und ein Erkundungsflug vorab zur Hochplatte geplant, da man hier aufgrund der verbesserten Witterung erstmalig den Gipfel betrachten konnte. Am nächsten Tag wurde ich in der Nähe meines Sprengstofflagers mit dem Hubschrauber abgeholt und wir flogen wie geplant mit der Lawinenkommission und einem Heeresbergführer Richtung Hochplatte und erkundeten dort die Schneelage. Sehr schnell war ersichtlich, dass sich enorme Schneemengen durch Windeinfluss abgelagert hatten. Nachdem aussagekräftige Fotos gemacht waren flogen wir weiter zum Ausgangspunkt der geplanten Sprengungen an das Bundesleistungszentrum für Skilanglauf nach Ruhpolding. Direkt nach der Landung übersendeten wir die Bilder an die Einsatzleitung, die daraufhin entschied, einen weiteren Erkundungsflug über der Hochplatte durchzuführen und die geplanten Sprengungen zurückzustellen. Somit flogen wir zur eingehenden Erkundung mit der Lawinenkommission nochmals an die Hochplatte und dokumentierten alle Schneeflächen und auch die mittlerweile abgegangenen Schneebretter in diesem Bereich. Aufgrund dieser Sachlage entschied die Einsatzleitung, die gefährdete Ortschaft Raiten am Fuße der Hochplatte sofort zu evakuieren bzw. zu räumen.

Wir erhielten jetzt den Auftrag, uns am Bundesleistungszentrum mit dem Hubschrauber bereit zu halten, um bei Notfällen während der Evakuierung sofort unterstützen zu können. Wie brisant die Lage an diesem Tag war, zeigte sich am Nachmittag. Während der Evakuierung von Raiten ging im Raum des Sudelfeldes, das 2 Täler weiter westlich liegt, eine Lawine über die dortige nicht gesperrte Bundesstraße ab, zum Glück ohne Verletzte oder Schlimmerem.

Die ursprünglich geplanten Sprengungen für diesen Tag wurden auf den Folgetag verschoben, da die Unterstützung der Evakuierung höchste Priorität hatte. Nach einer weiteren Einsatzbesprechung in Traunstein wurde festgelegt, dass wir am nächsten Tag als erstes ein Team der Lawinenkommission auf die Hochplatte fliegen sollten und im Anschluss die Sprengungen an der Zufahrtstraße Winklmoos erfolgen sollten. Wie besprochen, wurde am Folgetag als erstes die Lawinenkommission auf die Hochplatte geflogen, um dort ein Schneeprofil zu erstellen. Danach flogen wir Richtung Winklmoos und sprengten in Zusammenarbeit mit der dortigen Lawinenkommission, die zuvor geplanten Sprengpunkte ab.

Auf der B 305 warteten bereits Schneefräsen und Lader, die unmittelbar nach der Sprengung mit der Räumung der Straße begannen. Bereits am Abend war die Ortschaft Winklmoos wieder mit Fahrzeugen erreichbar. Bei der Räumung wurde auch eine schwere Schneefräse der Pioniere eingesetzt, welche auch schon im Landkreis Berchtesgadener Land eingesetzt wurde.

Die Sprengung an der B 305 wurde nicht mehr durchgeführt, da sich die Rinnen im Laufe der Zeit durch die starke Sonneneinstrahlung selbst „entladen“ hatten und damit das Straßenbauamt – nach Freigabe der Straße durch die Lawinenkommission – die Straße gefahrlos räumen konnte. Der Einsatz endete am 18.01.2019 und der Katastrophenfall wurde wieder aufgehoben.

Zusammenfassend ist anzumerken, dass es ein hoch fordernder Einsatz für mich war, der eine sehr hohe Einsatzdynamik hatte. Auch musste in kürzester Zeit alles organisiert und umgesetzt werden, wobei sich die Prioritäten und Aufträge ständig änderten und Ruhezeiten zwischen den Einsätzen so gut wie nicht möglich waren.

Quelle: SPRENGINFO 41(2019)3, S. 26-28, Deutscher Sprengverband e. V.

von Thomas Graßl

Zurück